01 Oktober 2005

Die Debatte um den türkischen EU-Beitritt

Ein bedingungsloser EU-Beitritt der Türkei - auch in fernerer Zukunft - könnte sich als der verhängnisvollste Fehler der EU herausstellen. Nicht, weil es sich um einen Kulturkampf zwischen dem "christlichen Abendland" und dem "muselmanischen Morgenland" handelt. Herr Huntington sieht hier alt aus und wer sich auf ihn beruft, setzt auf das falsche Pferd.

Nicht deshalb, weil europäische Chauvinisten deutsche oder sonst welche Leitkulturen etablieren wollen oder aus der Türkei gar eine islamistische Bedrohung erwartbar ist.

Die Argumente der Beitrittsbefürworter in der EU sind ökonomischer Natur und zum Teil auch geo- und sicherheitspolitischer Natur. Es geht natürlich um Liberalisierung, die Öffnung von neuen Märkten, um Industriestandorte und um neue und billige Arbeitskräfte. Genauso geht es um die strategische Bedeutung der Region, um den Ölreichtum zwischen dem Schwarzem Meer und Kaspischen Meer.

Das wirklich Trennende ist etwas anderes. Eine gänzliche unterschiedliche Geistesgeschichte. Europa in seiner jetzigen Form und politischen Verfaßtheit fußt nach etlichen selbstverschuldeten großen Katastrophen vom 18. bis zum 20. Jahrhundert auf den Werten der Auklärung, der Französischen Revolution, einer Trennung von Religion und Staat und der Universalität von Bürger-, Freiheits- und Menschenrechten. Von der Unmündigkeit des Feudalismus und Absolutismus bis in die Moderne hatten die entwickelten europäischen Demokratien einen langen Weg von mindestends 150 Jahren zurückzulegen. Für die Türkei soll dies im Schnellverfahren möglich sein?

Bei aller Sympathie, bei allem Abwägen, bei aller Distanz gegenüber Kulturchauvinisten, Kulturkampf-Apologeten und Eurozentristen: Kann man einen Staat mit 70 Millionen Einwohnern aus der Vormoderne in die Postmoderne katapultieren und dabei die Aufklärung und Säkulariserung überspringen? Hat schon jemand diesen Geschichtsbeschleuniger erfunden, der eine kollektive Befindlichkeit so schnell und gründlich verändern könnte? Die Türkei ist nur de jure ein säkularer Staat. Defacto nicht.

Der Aufnahmeprozeß der Türkei in die EU wird sich wahrscheinlich trotz des innenpolitisch motivierten vorsichtigen Widerspruchs der österreichischen Regierung nicht verhindern lassen. Das Unbehagen der europäischen Bürger, die Entfremdung zwischen den Eliten und den "Untertanen" wird dadurch eher noch zunehmen.

Europa quo vadis?

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